Vortrag von Clemens Bellut zu "Culturescapes China" im Unternehmen Mitte in Basel, 20. Oktober 2010
Mit grossem Vergnügen habe ich von den Veranstaltern, den Ausrichtern und den Mitwirkenden die durchweg überfordernde Anfrage aufgenommen, zum Anlass dieser höchst merkwürdigen Ausstellung, Reflexionen anzustellen über Schrift und Übersetzung.
Einen Schriftgelehrten finden Sie in mir nur in dem einen Sinn, dass ich alle Zeit meines studierenden und disziplinären Lebens mit Schrift und Sprache im Zusammenhang der europäischen Philosophie und der deutschen Sprache und Literatur zubringe. Und nicht das Wenigste, worauf ich mich hier gebracht finde, führe ich mit grossem Dank zurück auf viele Jahre des lehrenden Zugangs für Emigranten und Flüchtlinge zur deutschen Sprache, Geschichte und Politik, die ich in Frankfurt zugebracht habe. Mit Menschen nahezu aus allen Sprach-, Schrift-, Geschichts- und Religionsherkünften, die man sich nur denken mag.
Das heisst aber auch: ich bin kein Schriftkundiger im Sinne der Drucker und Setzer, der Typographen und Kalligraphen (was ich gleichwohl oft genug gewünscht habe, sein zu können) — im besseren Fall aber im Sinne der deutungskundigen Philologie.
Die Schriftlichkeit von Schrift tritt uns womöglich am deutlichsten dort entgegen, wo wir sie nicht verstehen, nicht entziffern, vielleicht nicht einmal als Schrift erkennen können. Dann erscheint sie uns als entschlüsselungsbedürftiges Rätsel oder als ornamentaler Zierat. D.h. entweder als ein Zeichensystem, dessen Bezeichnungsweise wir noch nicht verstehen, oder als ein selbstbezüglicher oder deutungsbedürftiger Bildcharakter.
Eine Schrift, die wir kennen und als Ausdrucksmittel buchstäblich gelernt haben, ist uns so sehr selbstverständlich, dass wir, soweit wir keine Kalligraphen, Typographen, Setzer oder Drucker sind, in ihrem visuellen Bildcharakter bewusst kaum wahrnehmen. Andererseits ist es möglich, unbekannte Schriften entziffern und sogar verstehen zu können, deren Sprache wir uns gesprochen womöglich gar nicht vorstellen können. Wann beginnen wir, einer graphischen Anordnung eine Bedeutsamkeit als Schrift zuzuschreiben? Das heisst, von welchen Indizien lassen wir uns leiten, eine graphische Anordnng nicht mehr als Kritzelei und nicht mehr als Ornament anzusehen?
Die ersten Voraussetzungen: die graphische Anordnung lässt sich in distinkte Elemente auflösen; diese Abfolge besteht aus einer endlichen Verschiedenheit der Elemente; ihre Wiederholungen folgen keiner mathematisch formalisierbaren Regel; und — entschieden am schwierigsten zu beschreiben und doch mit einiger Bestimmtheit zu behaupten — die Elemente bewahren untereinander, über ihre distinkte Verschiedenheit hinaus, eine durchgängige graphische Familienähnlichkeit. Unter solchen Bedingungen fangen wir an, die graphische Anordnung als schriftartige Bild-, Laut-, Wort-, Silben- oder Buchstabenzeichen zu bestimmen. Das nennen wir, eine Schrift entziffern, nämlich die graphische Anordnung schlüssig und ohne graphischen Rest als Folge von bezeichnenden Elementen zu erkennen. Auch wenn wir nicht wissen, worüber diese Schrift schreibt, was sie bezeichnet oder auch wie sich diese Schrift gesprochen anhört — wie es uns bis heute mit der etruskischen Schrift ergeht.
Eine graphische Anordnung wie die von Piktogrammen oder wie auf der Tafel, die die Amerikaner in den 70er Jahren als ziellose Flaschenpost in den Weltraum geschickt haben, solcherlei graphische Anordnungen lassen sich nicht im Sinne einer Schrift entziffern, weil ihnen die ungeregelten Wiederholungen in der Abfolge der Elemente fehlen und weil sie keine abschliessbare zählbare Menge dieser Elemente erkennen lassen [selbst die Zeichenliste des Alphabets nicht...?]: im engen Sinne des Begriffs lassen sich die Zeichengebilde nicht lesen — wenn zu lesen denn allererst heisst, etwas als Schrift zu erkennen. Andersherum im Falle des Ornaments: hier sind, der Schrift ähnlich, zwar abzählbare und distinkte Elemente graphisch angeordnet — und ebenso erscheinen die gleichen Elemente immer auch wiederholt. Aber da die Wiederholungen einer eigenen autonomen Regel folgen — sie mag so einfach oder komplex sein wie sie will —, lässt sich im strengen Sinn einer Schrift auch das Ornament nicht entziffern und nicht eigentlich lesen.
Indem die Elemente einer Schrift, ohne einer Regel zu folgen, wiederholt auftreten, verweisen sie auf eine andere Veranlassung ihrer Abfolge, auf einen nicht in der Schrift liegenden Grund, der diese graphische Anordnung erst als Schrift überhaupt denken lässt. Diese nicht imanente Veranlassung für die Abfolge der graphischen Elemente macht sie uns bedeutsam und bringt uns zum Entziffern und zum Lesen.
Wir können eine Schrift lesen und sogar sprechen, bevor wir sie auch nur verstehen können. Kyrillisch kann ich lesen, ohne es sprechen oder verstehen zu können — Griechisch kann ich lesen und sprechen... freilich mit der Eigentümlichkeit, dass mich meine rudimentären Kenntnisse des Altgriechischen nicht befähigen zu verstehen, was ich spreche, und mich verbreitetem Unverständnis im heutigen Griechenland aussetzen, weil ich diese weitgehend unveränderte Schrift auf dem Lautstand vor den Lautverschiebungen spreche.
Eine Schrift lesen heisst also zunächst, sie der Vermutung auszusetzen, überhaupt eine Schrift zu sein — was, wie gezeigt, so selbstverständlich nicht ist, wie es uns üblicherweise den Anschein macht. Nun wird alles, was wir als Schriftlichkeit vorfinden, mit der Hand, mit (Schrift-)Werkzeugen und mit Maschinen erstellt. Daraus erwachsen grenzenlose Bedingungen und Möglichkeiten, die Schriftlichkeit auch nur einer einzigen Schrift in unendlicher Unterschiedlichkeit auszuführen — motiviert von technischen, handwerklichen, ästhetischen, sachgemässen, individuellen, schreib-, druck- oder lesefreundlichen Veranlassungen. Graphiker, Designer, Typographen, Kinder und Legastheniker neigen dazu, diese Bedingungen und Möglichkeiten soweit zu umspielen, dass im Zweifelsfall höchstens sie selbst noch den Schriftsinn wiederzugeben im Stande sind. Einen besonderen Fall hiervon bringt mir das Märchenbuch meiner Kinderstube in Erinnerung, dessen Initialen zu Beginn jedes Märchens mir mehr an geheimnisvoller, bedeutungsschwangerer Märchenhaftigkeit vors Auge gerückt haben als alle in dem Buch versammelten Illustrationen von Ludwig Richter zusammengenommen.
Auf diese Weise wirkt die zuvor untersuchte Schriftlichkeit der Schrift immer zugleich und doch so anders als Bildlichkeit der Schrift — und das bevor wir sie in ihrer Schriftlichkeit erkannt, entziffert und gelesen haben. Die Lesbarkeit der Schriftlichkeit besteht also unter anderem, wie gesagt, in der begrenzten Endlichkeit der zur Verwendung kommenden graphischen Elemente. Die Bildlichkeit hingegen manifestiert sich als unendliche Abweichungen in der Ausführung eben dieser Elemente. Schrift ist bildlich gewiss schon wegen ihrer graphischen Sichtbarkeit — eigentlich im artifiziellen Sinn aber insbesondere durch diese Ausführungsfreiheit. Dabei handelt es sich merkwürdigerweise nicht um die Ausführungsfreiheit gegenüber einer identifizierbaren Grund- oder Urschrift. Die einzelnen Ausführungen sind nicht Abweichungen von einer vorgesetzten Grundgestalt einer Schrift. Dabei handelt es sich um ein erkenntnistheoretisches Phänomen, das Imanuel Kant «Schematismus», Ludwig Wittgenstein »Familienähnlichkeit» und Platon «Idee» genannt hat. Das braucht uns hier nicht weiter zu bekümmern als bis zu der merkwürdigen Feststellung, dass wir von einer Schrift kein Urbild im Sinn haben, sondern ein unbildliches Schema, das alle seine unendlichen Möglichkeiten der Transposition schon umfasst, bevor sie auch nur in einem sonst nie dagewesenen Fall der individuellen Ausführung aufgetreten ist.
Die Veranlassungen für die besondere Ausführung einer Schrift haben viel mehr Arten, als wir sie heute geneigt sind, mit schreib-, druck- oder leseökonomischen Motiven anzugeben. Das eben macht den Bildcharakter einer vorfindlichen Schriftausführung aus, dass sie, wie Bilder sonst auch, zwar nicht beliebig aber unendlich deutungsbedürftig ist. Ohne ihren Schriftsinn auch nur zu berühren, lässt sich eine bestimmte Schrift unendlich transformieren - bis zu den Grenzen ihrer typographischen Erkennbarkeit... so unendlich wie die Möglichkeiten, ein Haus bildlich zur Darstellung zu bringen.
Für die beiden Seiten der Schrift - Bildlichkeit und Schriftlichkeit — kennen wir in der europäischen Überlieferung ebenso zweierlei Ausführungs- und Deutungskompetenzen: die des Typographen und die des Schriftgelehrten und Philologen. Ihre Kolaboration bleibt bislang so wünschenwert wie die Wechselbeziehung der Schriftlichkeit und Bildlichkeit der Schrift weithin unerkundet.
Nun hat es aber mit der Bildlichkeit der Schrift einen weiteren Fall auf sich: Wir kennen Schriften, die wie die Keilschriften aus bedeutungslosen Elementen aufgebaut sind - und solche, wie die chinesischen und phönizisch-griechisch-lateinischen Schriften, die mit ihrer Bildlichkeit entweder Dinge, Sachverhalte und Tätigkeiten bezeichnen oder über die sprachliche Bezeichnung der bildlich angezeigten Dinglichkeit einen Laut repräsentieren. D.h. wir haben es mit vier Hinsichten der Bildlichkeit zu tun:
1. Die Bildlichkeit jeder Schrift als graphischem Phänomen;
2. die Bildlichkeit einer Schrift, die das bildlich repräsentierte Phänomen bezeichnet;
3. die Bidlichkeit einer Schrift, die über den Umweg der lautsprachlichen Repräsentation eines Phänomens einen Laut bezeichnet;
4., schlechthin alle Schrift betreffend, die gestalterische Freiheit in der jeweiligen graphischen Ausführung einer Schrift - was selbst noch die Keilschriften betrifft, insofern auch für sie die Strichlänge, die Strichstärke und jedenfalls die exakte Strichneigung nicht zu den festgelegten Merkmalen dieser Schriftart gehören.
Was Wittgenstein in der Sphäre der Sprachverwendung «Sprachspiel» nennt und als «Familienähnlichkeit» des jeweiligen Bedeutungsinhalts und -umfangs erläutert, das lässt sich auch auf die bildliche Repräsentation eines Phänomens überhaupt und hier auf die Bildlichkeit einer Schrift übertragen. Insofern können wir, dem «Sprachspiel» ähnlich, von «Bildspiel» und von «Schriftbildspiel» sprechen. Eine besondere Art dieses «Schriftbildspiels» ist der Schriftwechsel unter Schriftausführungen, die nicht derselben Schriftherkunft zugerechnet werden. In einem hier naheliegenden radikalen Fall: der Versuch, eine sonst in lateinischer Schrift notierte Sprache in chinesischen Schriftzeichen zu transkribieren und umgekehrt. Der geläufigere Fall hiervon ist diejenige Art der Translation oder Übersetzung, bei der der Schriftwechsel gleich auch die Sprachübersetzung mitvollzieht.
Als philologisches Werkzeug für den ersten Fall sind die Versuche unternommen worden, Lautschriften zu entwickeln, wie wir sie in Europa aus unseren Wörterbüchern kennen, die uns neben der Wortschreibung auch die fremdsprachliche Lautgebung darstellen soll. Dabei tritt eine Besonderheit der Schriftlichkeit von gesprochenen Sprachen auf: die lateinische Notation des deutschen Wortes «bestellen» z.B. vermerkt an drei Stellen dasselbe Schriftzeichen «e» — aber an allen drei Stellen steht dieses Zeichen für einen anderen Laut: das «e» in der Vorsilbe «be-», «ä» im Wortstamm «stell» und «ɘ» im Suffix «-en». Um die Verwirrung komplett zu machen, werden die Wörter «Stelle» für ›Ort‹ und «Ställe» für die Mehrzahl von ›Stall‹ an einer Position schriftlich unterschieden und sind doch lautsprachlich völlig ununterscheidbar. Im zweiten Fall handelt es sich um eine schriftlich hinreichend signifikante Bedeutungsdifferenz — im ersten Fall um das unendlich weite Feld, wann welche Lautdifferenzen in der verwendeten Schrift für distinktionsbedürftig gehalten werden. Ein analoges Phänomen kennen wir aus dem Vokabularium lokalisierter Sprachen. Der klassische Fall: in den Inuitsprachen gibt es offensichtlich eine ganze Reihe von etymologisch untereinander nicht verwandten, nicht voneinander abgeleiteten Wörtern für das, was hier bei uns nur verschiedene Erscheinungsweisen von ›Schnee‹ sind: Neuschnee, Schneematsch, Pulverschnee usw. - fragen Sie mich bitte nicht, wie diese Inuitwörter heissen und ausgesprochen werden ... Und umgekehrt aber bezeichnen die Inuit weithin jede Art von Baumansammlung mit abgeleiteten Formen eines einzigen Wortes, für die wir im Deutschen dinstinkte etymologisch untereinander nicht verwandte Ausdrücke verwenden: wie Wald, Busch, Hain, Forst usw.
Analoge Distinktionsdifferenzen zeigen die unterschiedlichen schriftlichen Repräsentationen des Lautsprachlichen. So hat sich zum Beispiel das phönizisch-griechische Alphabet in den Sprachen, die sich dieses Alphabets zur Verschriftlichung bedienen, unterschiedlichen Distinktionsbedürfnissen zur Erweiterung, Einschränkung oder phonetischen Spezifikation assimiliert. Im Griechischen zum Beispiel die beiden «e«-Zeichen Epsilon und Eta oder die beiden »o«-Zeichen Omikron und Omega (zur Unterscheidung langer und kurzer, offener und geschlossener Vokallaute). Im Deutschen durch die Alphabet-Ergänzungen der sogenannten Umlaute »ä«, «ö» und «ü«. Im Französischen durch die Artikulationszeichen der Akzente.
Das mag hier an Verwirrlichkeiten ausreichen, um das Sprachbildspiel von allzu voreiligen Vereindeutigungen freizuhalten und einigermassen seinen unendlichen, wenngleich nicht beliebigen Spielcharakter deutlich zu machen. Dazu kommen diejenigen Spielarten, die sich in artifizieller Weise über eingespielte Schriftweisen hinwegsetzen — wie es im Schriftdeutschen mit dem grossgeschriebenen Anfangsbuchstaben bei Substantiven und Namen und Satzanfängen geschieht in der mal mehr oder mal weniger konsequent betriebenen Kleinschreibung. Oder mit dem gender-«I« der political correctness.
Goethe erweiternd müssen wir feststellen, dass die Schrift selbst paradoxerweise mehr in sich birgt, als sich Schwarz auf Weiss nach Hause tragen lässt. Lassen Sie mich den schier unmöglichen Versuch unternehmen, diese ausgefalteten Spielarten der Schriftlichkeit und Bildlichkeit von Schriften derjenigen Veranlassung zuzuführen, die mich in diese Verwirrlichkeiten hineingetrieben hat — und mich nun wieder, zu Ihrem und meinem intellektuellen Wohlbefinden wieder hinausführen soll: Lassen Sie es mich auf die empörend engführende und gleichwohl vielsagende Formel bringen, dass zwischen Welten, Sprachen und Schriften permanent ein höchst differenzieller Stoffwechsel im Gange ist. Das ist, dem strengen Sinne nach, gegen das verbreitete und eigentlich fast nicht mehr anders zu denkende Ansinnen gerichtet, wir hätten es zwar mit Welt und Subjekten aber ansonsten mit Medien zu tun — unter anderem mit den Medien der Sprache und der Schrift. Lassen wir es hier und heute einmal versuchsweise gelten, dass Schriften und Sprachen nicht als Medien - was immer das sein mag —, sondern als Phänomene wie Bäume und Häuser anzusehen wären. Und dass alle Untersuchungen, die wir hier über die Schriftlichkeit und Bildlichkeit von Schrift angestellt haben, in einem womöglich einsichtigen Zusammenhang eintreten, wenn wir sie als etwas ansehen, das eine Art von Stoffwechsel unterhält: einen Stoffwechsel zwischen Schriftlichkeit und Bildlichkeit, zwischen Schrift und Sprache, zwischen Schrift und Welt und — was wir hier insbesondere exemplarisch darstellen wollen — zwischen unterschiedlichen Schriftarten.
Bei heutiger Gelegenheit schauen wir nächstliegender Weise auf chinesische und lateinische Schriften. In einem nicht leicht zu überbietenden Ausmass haben sie schier nichts miteinander zu tun. Kein Transformationsverfahren lässt sich imaginieren, die eine schrittweise in die andere zu überführen. Trotzdem praktizieren wir zwischen beiden die Verfahren der Transkription und der Translation. Bei der Transkription wird die Bildlichkeit der einen in die der anderen Schrift übertragen — die Schriftlichkeit der Ausgangsschrift wird so weitgehend wie möglich erhalten. D.h. zum Beispiel, dass wer die Sprache der Ausgangsschrift nicht versteht, versteht sie auch nicht in der Transkription. Bei der Translation hingegen wird mit der Bildlichkeit auch die Schriftlichkeit übertragen oder übersetzt.
Nun sind weder die Bildlichkeit noch die Schriftlichkeit der verschiedenen Schriften aufeinander hin konzipiert. Aber schon eine Sprache und diejenige Schrift, in der sie herkömmlicher Weise zur Schriftlichkeit notiert wird, stehen nicht in einem eineindeutigen Verhältnis zueinander. So sind die Ausbreitungs- und Schwundgeschichten und ihre geographischen Spuren durchaus nicht kongruent zueinander: Es gibt gerade heutigentags eine viel weitere imperiale Durchsetzung der lateinischen Schrift als die der englischen Sprache — aber auch das Umgekehrte war der Fall.
Die geheimnisvolle Wechselbeziehung von Welt, Sprache, Schriftlichkeit und Schriftbildlichkeit tritt dort krass zu Tage, wo diese Stoffwechselverhältnisse mit einem theologischen Gegenkonzept konfrontiert worden sind: In den sogenannten Buch- und Offenbarungsreligionen - vor allem also Judentum, Islam und Christentum — gelten bis heute wirkungsmächtige Dogmen, nach denen das göttliche Wort sich sprachlich und schriftlich auf unverrückbar Weise geäussert habe. Im Islam hat diese Auffassung ihre konsequente Ausgestaltung in einer Legende gefunden: Danach hat Mohammed das Offenbarungswort als Koran empfangen — und die Schriftlichkeit dieser Offenbarung wird in dieser Legende dadurch verbürgt, dass Mohammed den Koran gar nicht anders als von der Offenbarung eingegeben hat niederschreiben können, weil er ansonsten der Schrift nämlich durchaus unkundig gewesen sei. Im Jüdischen und Christlichen gilt analog die orthodoxe Anweisung, vom geschriebenen Buchstaben um «kein Jota« abzuweichen — was der unscheinbarste Buchstabe des griechischen Alphabets ist.
Der hier vorgebrachte Zugang zum Stoffwechsel der Bildlichkeit und der Schriftlichkeit von Schriften ist demgegenüber das sündenfällige Skandalon und, im eigentlichen Wortsinne, das Sakrileg schlechthin.
Das metaphorisch aus der Biologie übernommene Prinzip des Stoffwechsels besagt dort, dass die kleinsten und grössten Organismen einerseits an ihren äusseren Membrangrenzen als organische Einheiten verfasst sind — und andererseits aber durch die Permeabilität derselben Membrangrenze zugleich in einem permanenten Stoffwechsel mit ihrer Umgebung stehen, durch Ausscheidung und nährende Aufnahme von fremden Stoffen. Diese paradoxe Konstruktion der Membrangrenze macht das Lebensprinzip aus: Verfällt die begrenzende Membran, dann löst sich der Organismus auf — wird andererseits die Membran zur Umgebung undurchdringlich abgeschlossen, dann findet kein Stoffwechsel mehr statt und der Organismus stirbt ab. Dorther nehme ich das Analogon zu Sprache und Schrift...
Die willkürlichen und unwillkürlichen Transformationsprozesse der Sprachen und Schriften sind in ähnlicher Weise verfasst wie diese Stoffwechselvorgänge — und das heisst vor allem, dass ihre Diffusionsprozesse untereinander nicht Unfälle, Verunreinigungen, Entwertungen, Entkräftigungen anzeigen, dass Sprachen und Schriften vielmehr ihr ganzes Lebensprinzip daraus beziehen. Dort, wo diese Stoffwechselvorgänge zum Stillstand gekommen sind, haben wir es, wie beim Lateinischen, mit ausdrücklich sogenannten toten Sprachen zu tun. Wir übertragen die graphischen Zeichen in andere graphische Zeichen, verwandeln Laute der einen Sprache in Laute einer anderen und konstituieren Bedeutungen aus den wechselnden Perspektiven unterschiedlicher Sprache - und nennen das Übersetzen.
Der griechische Erfinder der Sprache und der Schrift, der Götterbote Hermes, ist zugleich die Anrufungsinstanz der Dichter, der Übersetzer und... der Diebe. Sprache, Schrift, Übersetzung in Verwandtschaft zum Diebstahl — sozusagen der nicht-geregelten Eigentumsübertragung. Und die bestimmt auch den permanenten Stoffwechsel unter den Sprachen und Schriften. Darüber werden keine Handelsverträge, keine Staatsverträge ausgefertigt und kein Gericht der Welt würde eine Klage darüber zur Verhandlung bringen lassen.
Aber Hermes überbringt nicht nur die Götterbotschaften zu den Menschen, sondern aus seinem Mund kommen sie zugleich immer auch als Deutung des Götterspruchs zu den Menschen. Er ist der Herr des Zwischenreichs im wandelnden Verkehr zwischen Göttern und Menschen, überhaupt der Herr im Zwischenreich des Verkehrs - und der Verkehr der Sprachen und Schriften untereinander ist ein solches Zwischenreich, und sie bestehen überhaupt nur als Verkehrsteilnehmer dieses Zwischenreichs, weil jeder Sprechakt, jedes Sprechen und Zuhören, jedes Aufschreiben und Lesen selbst immer schon Übersetzen und Übertragen ist. Die Kompetenz des Zwischenreichs ist das Deuten, seine Äusserung ist die des Sprechens und Schreibens.
Da gibt es nichts ein für allemal Gewisses, keinen unerschütterlichen Boden unter den Füssen — Sprechen und Schreiben, Verstehen und Lesen heisst, sich auf die schwankenden Bretter dieses Zwischenreichs zu begeben, bedroht von den Beben des Unverständnisses, des Missverständnisses und, wie Hermes, beflügelt von den Aussichten des Neuverstehens und der gelingenden Deutung. Die deutende Kunstfertigkeit des Götterboten Hermes, die Verkehrskompetenz, die das Zwischenreich des Sprechens und Schreibens fordert, heisst in augenfälliger etymologischer Verwandtschaft bis heute Hermeneutik.
In der deutschen Sprache gibt es analog eine weniger augen- als ohren-fällige Zweideutigkeit des Wortes «über-setzen«: Je nach Betonung als übersetzen oder übersetzen bezeichnen wir damit die Tätigkeiten des Fährmanns mit seinem Floss oder des sprachkundigen Übersetzers. Und in gewisser Weise verrichten beide das gleiche Werk, kundig der Untiefen, der Stromschnellen, der Ungeheuer und der Klippen im Zwischenreich zwischen zwei Ufern.
Die Sprachen und Zeichen der Mathematik und der Maschinen-Programmierer sind Sprachen und Schriften nur in einem weit hergeholten metaphorischen Sinn, insofern deren Konstitution ausdrücklich darauf angelegt ist, keinen Spielraum, keinen Deutungsbedarf zuzulassen - und ihn auch nicht zu benötigen. Diese nur metaphorisch sogenannten Sprachen verschmähen das Bürgerdiplom des Zwischenreichs, weil sie seine schwankenden Bretter und die endlos umschleichende Zärtlichkeit der Hermeneutik nicht vertragen.
Nehmen Sie diesen merkwürdigen Zusammenhang der Sprache und der Schrift, des Deutens und Übersetzens, wie er sich in der mythologischen Gestalt des griechischen Hermes unentwirrbar versammelt, dem wir die Nicht-Nationalität des Zwischenreichs und seines diebstahl-förmigen Verkehrs zugesprochen haben: hier kommen wir nicht leicht ohne Selbstwiderspruch auf die in anderen Verkehrssphären gebrauchten Verkehrsmünzen der Identität, der Integration und der Leitkultur. Vielleicht würde leicht und bald ein Schuh daraus werden können, wenn wir es umgekehrt nehmen: d.h. wenn wir den Verkehr der Menschen untereinander wie den der Sprachen und Schriften ansehen lernen wollten. Die Identität einer Schrift wie die einer Sprache bestimmt sich nicht nach dem Grad ihrer isolierten identitären Selbstgleichheit — das wäre allenfalls noch von den toten Sprachen und Schriften zu sagen. Sie bestimmt sich aber allemal von ihrem lebendigen, stoffwechselnden Verkehr und Austausch mit anderen Schriften und Sprachen.
Wie würden wir uns heute in Deutschland und in der Schweiz über das Getränk aus den braunen Bohnen oder über die mathematischen Gesetzmässigkeiten der abstrakten Grössen unterhalten, wenn die Sprachen des Arabischen und des Deutschen keinen Verkehr unterhalten würden, einander Gast- und Bürgerrechte verweigern oder auch nur regeln wollten?! Wie würde unsere Sprache ohne Lessings Ringfabel und ohne Nathan den Weisen aussehen?
Die Schriften und Sprachen setzen sich über alle Nationengrenzen hinweg - da gelten, wie Jahrtausende lang auf den polynesischen Inseln oder lange Zeit in den schweizerischen oder südtiroler Hochgebirgstälern, überhaupt nur die Grenzen der Geographie. Es ist wohl wahr: bis in die Sprachen und Schriften hinein hat sich der machtpolitisch verordnete Selbstidentifikationswahn zu Zeiten ausgetobt — in den Sprachgesellschaften des Barockzeitalters (wo man statt vom «Schaf« vom «ganz bewollten Tier« zu sprechen lehren wollte), in den Schrift-, Gruss- und Sprachanweisungen des Nationalsozialismus - und im ostdeutschen Realsozialismus, der die Systemmauer bis in die Sprachverordnungen hinein aufzuziehen versucht hat (ich erinnere an die «Jahresendfigur« des Weihnachtsengels). Das waren die «Ausschaffungsinitiativen« in Hermes` letztlich unbeherrschbaren Zwischenreich der Diebe, des Schreibens und Sprechens. Eine mit sich selbst identische Schrift oder Sprache ist tot - wie ein Organismus, dessen Membran gegen jeden Stoffwechsel undurchlässig gemacht worden ist.
...
Vom auslaufenden Ende einer solchen Vortragssituation nehme ich mir frech die Lizenz zu einigen Ungehörigkeiten: Lassen Sie uns einmal wie die Griechen nachdenken über den ungehörigen zwischenreichlichen Zusammenhang von Diebstahl, Gastrecht und Bürgerrecht! Und lassen wir uns dabei belehren von nichts anderem als dem, was wir permanent mit allem Sprechen, Zuhören, Schreiben und Lesen ohnehin und ganz unwillkürlich tun! Ich versichere Ihnen: sie werden nicht leicht ein Wort oder einen Ausdruck finden, von dem so rein gar nichts auf verwickelte Weise mit anderen Sprachen, Schriften, Menschen und Lebenspraktiken gastfreundlich in Verbindung zu setzen wäre. Die Reinheit in der Sphäre der Sprache und Schrift besteht in nichts anderem als ihrer lebendigen Permeabilität zu anderen Praktiken des Sprechens und Schreibens. Und so läge nichts näher, als dieses Lebensprinzip auf die Sprechenden und Schreibenden mitzubeziehen. Sprachreinheit im allgemein kolportierten Sinn ist im gleichen Masse eine machtpolitische Fiktion wie bürgerrechtliche Nationalität. Die Identität einer Schrift oder einer Sprache wird nicht von der Integrationsfähigkeit sprachlicher oder schriftlicher Fremdkörper bestimmt, sondern von der Permeabilität und Wandlungsfähigkeit ihrer eigenen Selbstähnlichkeit.
Sprachen und Schriften, ihr Deuten und Übersetzen sind von conspiratio und conscientia geleitet, von einer ungewissen «Mitwissenschaft« - was wörtlich übersetzt conscientia heisst. Einer Vertrautheit untereinander, die in Hermes` Zwischenreich, im Reich der Diebe, der Sprechenden, der Schreibenden und der Übersetzer als konspirative Gemeinschaft wirkt.
Es ist ein wunderbares Zeugnis dieser Konspiration, was wir hier in der Ausstellung, die ich am liebsten nachträglich noch unter den Titel «Schiftbildschriftlichkeit« stellen würde, studieren können. Ein Zeugnis der typographisch angeleiteten Einwirkungen von Schriften aufeinander, die sich von der Bildlichkeit zweier Schriften zur Konspiration inspirieren lassen - ... Ich wünsche Ihnen und uns allen einen unendlich reichen Beute-Ertrag unserer diebisch vergnügten Raubzüge durch das Zwischenreich des Schriftverkehrs.